Immer wieder erreichen den DRK-Kreisverband Anrufe oder Mails von Bürgern, die über überquellende Kleidercontainer und darum herum abgestellten Müll Klage führen. „Wir nehmen diese Klagen sehr ernst und stehen dazu auch mit den Stadtverwaltungen im konstruktiven Austausch, denn wir haben es hier mit einem generellen, vielschichtigen Problem zu tun, das nicht nur uns vom DRK, sondern auch die öffentliche Hand betrifft“, sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Heiko Selzer.
Selzer verweist auf bereits weit fortgeschrittene Verhandlungen mit einem anderen Unternehmen als dem, mit dem das DRK bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet, betont zugleich aber auch das intensive Bemühen des Kreisverbandes, das vom Grundsatz her bewährte System zu erhalten. Das DRK, insbesondere seine 10 Ortsvereine, seien auf die Erlöse aus der Altkleiderverwertung dringend angewiesen. Die Ortsvereine, in deren Gebieten die Container an vielen Stellen stehen, finanzierten damit einen Großteil der Ausbildung ihrer Mitglieder für den ehrenamtlichen Sanitäts- und Rettungsdienst, sie beschafften mit dem Geld aber auch Ausrüstung, Persönliche Schutzausrüstung und Rettungsmittel, sagt Selzer.
Der globale Alttextilmarkt liegt am Boden. Das DRK sieht sich dadurch vor sehr großen Herausforderungen und hat es mit einer ganzen Kette von Problemen nach Art des Dominoeffekts zu tun. Entscheidenden Anteil an der fatalen Entwicklung hat der Umstand, dass in einer kriegsvolatilen Welt der Absatz von Altkleidern in Dritte-Weltländer wegen der immer unsicherer werdenden Transportwege, gerade jetzt durch die Unpassierbarkeit der Straße von Hormus, ins Stocken gerät. Seecontainer mit Altkleidern, beispielsweise auf ihrer Route durchs Rote Meer, müssen wegen drohender Angriffe durch Huthi-Rebellen schon seit geraumer Zeit für horrende Summen versichert werden, die den Wert der Ware oftmals überschreiten. Selzer: „Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass einige Mitbewerber unseres derzeitigen Geschäftspartners bereits Insolvenz angemeldet haben, zahlreiche Altkleidercontainer privater Sammelunternehmen sind aufgrund der schwierigen Lage schon aus dem Straßenbild verschwunden, auch im Hochtaunuskreis. Die Folge ist, dass die verbliebenen, von uns betriebenen Container immer schneller überfüllt sind. Nicht selten sind montags geleerte Container mittwochs schon wieder voll.“
Zunehmend zum Problem werde leider die sinkende Disziplin einer steigenden Zahl von Bürgern, die immer häufiger Müll, selbst normalen Hausmüll in den Altkleidercontainern entsorgen, bzw. wenn diese überfüllt sind, im Schutz der Dunkelheit daneben abstellen. Vom Toaster über die Mikrowelle bis hin zum defekten Dreirädchen finde sich da alles, „solche Fehlwürfe betragen teilweise bis zu 25 Prozent der Tonnage, müssen aufwändig aussortiert werden und schmälern so den Ertrag, der am Ende fürs DRK übrigbleibt“. Dieses Problem, das mit gesundem Menschenverstand zu tun habe, könne das Deutsche Rote Kreuz, außer dass es immer wieder an die Vernunft appelliert, aber leider auch nicht lösen.
Mit der Einführung der Getrenntsammlungspflicht für Textilabfälle im vergangenen Jahr im Rahmen der Novelle des Abfallwirtschaftskreislaufgesetzes habe sich das Problem noch verschärft. Viele Menschen seien unsicher, wie sie Textilabfälle nun richtig entsorgen können. Das Regierungspräsidium Darmstadt versuche zwar, für Klarheit zu sorgen, der Erfolg lasse aber leider immer noch auf sich warten. Klar ist: Verschlissene und stark verschmutzte Kleidung kann und muss weiterhin über die Restmülltonne entsorgt werden, wenn hierfür keine gesonderte Sammelmöglichkeit zur Verfügung gestellt wird. Gut erhaltene, saubere Textilien gehören dagegen bestimmungsgemäß in die Altkleidersammlung. Dieses Prinzip führt jedoch dazu, dass die Restmülltonnen schneller voll sind. Häufig sind deshalb zusätzliche, über die in den Müllgrundgebühren enthaltenen Abfuhren hinausgehende Tonnenleerungen erforderlich. „Das führt dann zu Kostenvermeidungsdruck bei vielen Anschlussnehmern, letztendlich landet das, was eigentlich in die Restmülltonne gehört in und vor unseren Altkleidercontainern. Die Folge liegt auf der Hand, Kleidung, gleichgültig ob brauchbar oder unbrauchbar, wird dort hineingestopft. Vieles davon ist Müll, der überwiegende Teil der sogenannten Fastfashion-Produkte ist für die Alttextilverwertung wegen ihres hohen Kunststoffanteils nicht zu gebrauchen“, erklärt der DRK-Geschäftsführer.
Beim DRK-Kreisverband hat sich zur Bewältigung dieser Gemengelage eine Arbeitsgruppe gebildet, die das vielschichtige Problem in den Blick nimmt und neben dem geplanten Anbieterwechsel noch ein weiteres Projekt entwickelt. Mittelfristig soll über den Hochtaunuskreis ein Netz von DRK-Kleidershops, wie es sie derzeit nur in Königstein und Usingen gibt, geknüpft werden. Das DRK verbindet damit zwei Ziele: Der Markt der Second-Hand-Bekleidung boomt, wie die Erfolgszahlen der beiden Kleiderläden in Königstein und Usingen belegen. Er ist längst nicht mehr nur auf Bedürftige ausgerichtet. „Vintage“ ist heute schick und noch dazu nachhaltig. Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass in den Läden gut erhaltene, tragbare Kleidung für kleines Geld angeboten und dadurch die Altkleidercontainer entlastet werden. In den Ortsvereinen wurde die Suche nach geeigneten Ladenlokalen bereits aufgenommen. Hinweise auf verfügbare Flächen werden gerne entgegengenommen. Darüber hinaus ist beabsichtigt, im Verbandsgebiet ein Zentrallager einzurichten, in dem gespendete Kleidung saisonabhängig zwischengelagert werden kann. Dieses Lager kann schlimmstenfalls aber auch bei Großschadenslagen als Ausgabestelle von Kleidung für durch Brand oder andere Katastrophen obdachlos gewordene Menschen dienen.